Die Nachbarin

Jessika Herrmann

Jessika Herrmann kannte Flüchtlinge nur aus den Nachrichten – bis sie plötzlich zu ihren Nachbarn wurden. Wie verändert sich das Leben als Anwohnerin der größten Erstaufnahme-Einrichtung Bayerns?

6. Februar 2016, 11:03 h

“Wir versetzen uns viel zu wenig in die Menschen hinein”

Jessika Herrmanns Alltag wird von der Erstaufnahme-Einrichtung um die Ecke eigentlich kaum beeinflusst – zu nachdenklich machenden Begegnungen kommt es aber immer wieder.

„Oft hört man von irgendwo aus Deutschland, dass es wieder Übergriffe auf Asylbewerberheime gab – während es hier um die Bayernkaserne überwiegend ruhig bleibt. Von dem Handgemenge, zu dem es vor kurzem kam, habe ich erst durch Sina Struves Aufsager gehört. Die Straße, die unser Wohngebiet von der Bayernkaserne trennt, wirkt in dem Sinne auf mich wie ein Vorhang, ich bekomme wenig mit. Vor einigen Tagen hatte ich allerdings eine eigentümliche Begegnung: Ich bin mit meinem dreijährigen Sohn zur Bushaltestelle gelaufen, um einkaufen zu fahren. In der Bushaltestelle lag unter einer Decke ein Schwarzafrikaner mit aufgequollenem Gesicht. Ich weckte ihn, um zu fragen, ob er Hilfe brauchte. Er lehnte ab, erzählte aber, dass ein alkoholisierter Freund ihn geschlagen hätte. “Morgen ist das wieder okay”, sagte er auf Englisch. Er habe nur Hunger. Ich gab ihm etwas Geld und empfahl ihm, in der Erstaufnahme-Einrichtung nach einem Arzt zu fragen. Als mein Sohn und ich nach knapp zwei Stunden vom Einkaufen zurückkamen, lag der Mann noch immer unter seiner Decke. Ich glaube nicht, dass er sich Hilfe gesucht hat.

Zu dem Flüchtlingsthema mache mir schon einige Gedanken: Europa wird in Frage gestellt und einige Menschen möchten zu Maßnahmen greifen, die aus meiner Sicht nicht wirklich bei der Lösung des Problems helfen. Zum Beispiel die Überlegung, den Familiennachzug zu erschweren. Dadurch reißt man Familien auseinander und zwingt auch Frauen und Kinder auf die Flucht – denn Familienväter, die Deutschland alleine erreichen, dürfen ihre Angehörigen ja möglicherweise nicht nachholen. Manchmal erstaunt es mich, wie wenig man sich in die einzelnen Menschen hineinversetzt.“