Die Ärztin

Dr. Renate Schüssler

Dr. Renate Schüssler bot ab Sommer 2015 Sprechstunden für Flüchtlinge in verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften in Berlin an. Mittlerweile liegt der Fokus ihrer Artbeit auf der Kontrolle von Hygienestandards in Unterkünften und der Erkennung von Faktoren, die die Gesundheit gefährden. Sie setzt sich für die Gestaltung eines fördernden Alltags für die Kinder und Kontrolle der Betreuung ein.

2. Februar 2016, 14:19 h

Neues Jahr, neue Probleme

Durch den Mangel an geeigneten Unterkünften müssen immer mehr Asylsuchende nicht nur für wenige Wochen, sondern inzwischen über Monate nach ihrer Registrierung weiter unter oft inakzeptablen Bedingungen in den Turnhallen leben. Sie haben mit der Registrierung Anspruch auf eine medizinische Grundversorgung und können und sollen bei Krankheiten von Kassenärzten in der medizinischen Regelversorgung behandelt werden. Leider ist das oft ungeschulte Personal häufig nicht in der Lage, den Patienten diesen Weg, der ja auch Schritt zur Integration ist, zu ebnen.

Der hohe Anteil versicherter Flüchtlinge verändert die Ansprüche an meine Arbeit, von der Versorgung akuter Erkrankungen Einzelner hin zur Beobachtung der gesundheitlichen Situation in der gesundheitsgefährdenden Umgebung.

Nach dem Trauma der Flucht leben die Flüchtlinge nun ohne jede Rückzugsmöglichkeit oder Intimität, ohne sinnvolle Beschäftigung mit 200 anderen Menschen in einem Raum. Das ist hoher psychischer Stress, der auch zu körperlichen Symptomen führt, über die vermehrt Zuwendung von uns Ärzten gesucht wird. Diese Zusammenhänge können aus Mangel an Sprachmittlern nicht adäquat besprochen werden.

In den Turnhallen müssen zudem immer wieder die Hygienestandards zur Prävention von Infektionen kontrolliert werden. Das wechselnde und meist nicht qualifizierte Personal macht das nötig.

Aber auch bei so selbstverständlichen Dingen wie der Essensversorgung hakt es. So ergab die Begutachtung eines mir zugespielten Fotos eines verpackten Abendessens, dass der Kaloriengehalt bei knapp der Hälfte der benötigten Menge lag.

Das Betreiben einer Notunterkunft ist ein Geschäft. Ich verstehe, dass kommerzielle Betreiber Gewinn erwirtschaften müssen. Nicht akzeptabel ist das allerdings, wenn es zu Lasten der Bewohner geht. Ich sehe aber auch, dass Betreiber zu sehr unterschiedlichen Lösungen kommen. Es kann in der Situation der Notunterkunft möglich sein, dass die festgelegten Qualitätsanforderungen an Unterkünfte im Einzelfall nicht erfüllt werden können. Das kann jedoch nicht bedeuten, dass sie insgesamt außer Kraft gesetzt sind und darum auch vermeidbare Missstände nicht abgeschafft werden.

So erlebte Reporter Johannes Malinowski die Ärztin: