Die Ärztin

Dr. Renate Schüssler

Dr. Renate Schüssler bot ab Sommer 2015 Sprechstunden für Flüchtlinge in verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften in Berlin an. Mittlerweile liegt der Fokus ihrer Artbeit auf der Kontrolle von Hygienestandards in Unterkünften und der Erkennung von Faktoren, die die Gesundheit gefährden. Sie setzt sich für die Gestaltung eines fördernden Alltags für die Kinder und Kontrolle der Betreuung ein.

10. August 2016, 12:09 h

“Ich verzweifle daran, keine Lösungen bieten zu können”

Dr. Renate Schüssler berichtet in ihrer Augustkolumne über die psychischen Probleme junger Flüchtlinge. Besonders die Anschläge in Bayern haben ihr klar gemacht, wie gefährdet sie sind.

Das Leben in den Turnhallen wird für die Bewohner zunehmend unerträglich. In den letzten Wochen bin ich ganz vorwiegend mit psychischen Problemen konfrontiert worden. Es sind die jungen Männer bei denen sich die Verzweiflung über mangelnde Perspektiven, mangelnde Privatsphäre und Schlaf in Selbstmordversuchen, Selbstmorddrohungen und psychischen Ausnahmezuständen niederschlägt. Manche von ihnen waren jahrelang inhaftiert, haben Folter erlebt und benötigen dringend Ruhe und einen Raum für sich allein. Ich verzweifele daran, keine Lösungen bieten zu können – gerade in Anbetracht der Attacken in Bayern mit dem Wissen, wie gefährdet sie in dieser hoffnungslosen Situation sein können, wenn sie niemanden haben, mit dem sie sprechen, dem sie sich öffnen können.Die Therapiemöglichkeiten reichen bei weitem nicht aus, um ihnen gerecht zu werden.

Die andere Gruppe, die mir große Sorgen macht, sind die pubertierenden – vor allem männlichen – Jugendlichen, die in diesem schwierigen Umfeld ohne Orientierung aufwachsen müssen. Es fehlen ihnen Rollenvorbilder. Ihre ehemals starken Väter erleben sie ausgeliefert und machtlos, deren Autorität noch nicht einmal ausreicht, zu entscheiden, wann sie schlafen gehen oder was sie essen. Dazu kommt, dass das Umfeld mit ehrenamtlichen Helfer, Mitarbeiter oder Lehrer vorwiegend weiblich sind und daher oft auch keine adäquate Orientierung bietet. So sind sie – unbeschützte Kinder – den Tränen nahe und können sie oft nur zurückhalten, indem sie sich in ihrer Hilflosigkeit aggressiv gebärden.

Lehrerinnen klagen vermehrt über Schwierigkeiten in der Schule: Verweigerungshaltungen, Konzentrationsstörung und Unruhe, wobei natürlich auch eine Rolle spielt, dass sie in den Hallen keinen ruhigen Platz haben, um ihre Hausaufgaben zu machen und nachts nicht ungestört schlafen können.

Für diese Jungen habe ich nun zum Glück einen Verein gefunden, der ihnen ermöglicht, während der Ferien in kleinen Gruppen regelmäßig Sport zu treiben, verschiedene Möglichkeiten der Freizeitgestaltung auszuprobieren und damit schneller in unserer Gesellschaft anzukommen.