„Durch Nichtstun brennen Flüchtlinge innerlich aus“

Die Bildunginitiative Kiron will Flüchtlingen ein Studium zu ermöglichen, unbürokratisch und flexibel. Ein Interview mit Gründer Markus Kreßler.

Wie unser Projekt mit Terror umgeht

Kürzlich erreichte uns ein Leserkommentar mit dem Vorwurf: „Rückschläge werden bei Euch kaum thematisiert.” Anlass genug, um Stellung zu beziehen – gerade nach den vergangenen Tagen und Wochen

Apotheker ohne Grenzen: Die Helfer im Hintergrund

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27. Dezember 2015, 4:45 h

“Es ist ein Vorteil, dass viele Flüchtlinge so jung sind”

Tausende Flüchtlinge müssen in den Arbeitsmarkt integriert werden. Wie das gelingen kann und in welchen Branchen es mehr Konkurrenz geben wird, erklärt Wirtschaftswissenschaftler Karl Brenke.

Über eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen, weil sie vor Krieg und Elend flohen. Viele werden wieder in ihre Heimat zurückkehren, aber Tausende von ihnen werden bleiben und hier ein neues Leben beginnen. Wenn ihre Integration gelingen soll, müssen sie schnell in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Wie das gelingen kann, erklärt Professor Karl Brenke, Wirtschaftswissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW).

Wie stehen die Chancen, dass die Flüchtlinge Arbeit finden?

Karl Brenke: Wir sind in einer günstigen Situation. Die Beschäftigung legt kräftig zu und die Konjunkturprognosen für das nächste Jahr sind gut. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Integration in den Arbeitsmarkt klappen kann.

Aber viele der Einwanderer sind gering qualifiziert oder sogar Analphabeten. Wie können sie so Arbeit finden?

Es ist schwer, wenn keine Berufsausbildung vorhanden ist. Der Vorteil ist allerdings, dass viele Flüchtlinge jung sind. Dadurch ist es einfacher, ihnen noch eine Ausbildung anzubieten und sie so zu qualifizieren. In bestimmten Regionen gibt es bereits einen Mangel an Auszubildenden, insbesondere in Süddeutschland.

Also werden auch die Zuwanderer vom deutschen Jobwunder profitieren?

Ja, aber die Gefahr liegt an einer anderen Stelle. Es ist ein Problem, wenn Menschen zu lange dem Arbeitsmarkt entfremdet sind. Die Flüchtlinge waren zuerst in Lagern in der Türkei oder in Jordanien, dann flüchteten sie nach Deutschland und haben hier das lange Asylverfahren durchlaufen. Nach der Anerkennung werden sie wahrscheinlich nicht gleich eine Arbeit finden. Wir wissen aus den Erfahrungen von Langzeitarbeitslosen generell, dass die Arbeitsfähigkeit verloren geht, etwa weil ein geordneter Tagesrhythmus fehlt. Irgendwann werden die Leute entmutigt.

Deutschunterricht ist eine Vorraussetzung für die Integration - auch im Arbeitsmarkt.

Wie kann die Zeit verkürzt werden bis ein Flüchtling anfängt zu arbeiten?

Sprachkurse sind entscheidend und damit sollte man so früh wie möglich anfangen, etwa bei Menschen, die hohe Chancen auf Anerkennung haben. Als nächstes ist es dringend nötig, zu wissen welche Qualifikation die Leute mitbringen. Erst dann kann man die Qualifizierungsmaßnahmen richtig steuern. Deshalb ist es so wichtig, zuverlässige Daten zu bekommen. Da ist in erster Linie die Arbeitsagentur gefordert.

Warum ist es so wichtig, die Flüchtlinge zu qualifizieren?

Wir haben ohnehin schon das Problem, dass ein erheblicher Teil unserer Arbeitslosen keine Berufsausbildung hat und die einfachen Jobs immer weniger werden. Man kann ja nicht erwarten, dass ein Restaurant die Geschirrspülmaschine rausschmeißt und dafür Tellerwäscher einstellt. Viele Jobs in der Landwirtschaft oder in der Industrie, die Einwanderer früher annehmen konnten, gibt es einfach nicht mehr. Die geforderten Qualifikationen sind heute viel höher.

Flüchtlinge dürfen dem Arbeitsmarkt nicht zu lange entwöhnt werden.

Flüchtlinge dürften dem Arbeitsmarkt nicht zu lange fernbleiben, meint Karl Brenke.

Gibt es bestimmte Branchen, in denen es zu verstärkter Konkurrenz kommen wird?

Das könnte durchaus sein, etwa bei einfachen Tätigkeiten in der Gastronomie oder bei anderen Dienstleistungssektoren. Auf eine offene Stelle in diesem Bereichen kommen derzeit etwa fünf bis sechs Arbeitslose. Hier kann sich der Wettbewerb erheblich verschärfen. Das trifft dann besonders diejenigen, die keine Berufsausbildung haben – ob Deutsche, Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund, die schon länger in Deutschland leben.

Wie werden sich die Flüchtlinge langfristig regional verteilen?

Es gibt zwei Faktoren, die hier entscheidend sind. Eine Möglichkeit ist, dass die Flüchtlinge dorthin gehen, wo die Beschäftigungsmöglichkeiten am besten sind, also vor allem nach Süddeutschland. Es kann aber auch sein, dass sie versuchen, Netzwerkeffekte zu nutzen. Das heißt, sie gehen in die Regionen, in denen bereits Verwandte oder Bekannte leben. Das können dann auch Regionen sein, die wirtschaftlich schwächer sind wie Bremen, Berlin oder Teile des Ruhrgebiets. Beide Faktoren können den Ausschlag geben.

Einige Ökonomen schlagen vor, den Mindestlohn für Flüchtlinge zu senken. Was halten Sie davon?

Die Angst, dass der Mindestlohn viele Arbeitsplätze kosten wird, hat sich nicht bestätigt. Also werden wir auch kaum Arbeitsplätze gewinnen, wenn wir ihn wieder abschaffen. Das ist reine Logik. Das zweite Problem, das ich sehe, ist folgendes: Wollen wir vom Staat unterschiedliche Löhne für verschiedene Bevölkerungsgruppen definieren lassen? Das kann sehr rasch auf Diskriminierung hinauslaufen.

Einwanderung wird oftmals als Problemlöser für den Fachkräftemangel gesehen. Profitiert Deutschland wirtschaftlich von dieser Art der Zuwanderung?

Mit Blick auf den Arbeitsmarkt brauchen wir diesen Zustrom von Flüchtlingen nicht. Wir haben ja einen relativ großen europäischen Arbeitsmarkt mit einem großen Reservoir an jungen, gut ausgebildeten Menschen, etwa in Spanien und Polen. In der Diskussion um den Fachkräftemangel wird das oft vergessen.

Welche Rolle werden die Flüchtlinge in Deutschland wirtschaftlich in zehn Jahren spielen?

Das ist schwer zu sagen, denn das es hängt auch von der Lage in den Herkunftsländern ab. Wenn etwa der Bürgerkrieg in Syrien beendet ist, kann man damit rechnen, dass ein erheblicher Teil der Flüchtlinge Deutschland wieder verlässt und beim Wiederaufbau hilft. So ähnlich war es mit den Flüchtlingen vom Balkan nach den Kriegen zu Beginn der 1990er Jahre. Wenn es gute Möglichkeiten gibt, sein Leben in Syrien zu gestalten, werden viele Menschen Deutschland wieder verlassen.

Was ist mit denen, die da bleiben?

Da wird man sehen, welche Gruppen das sein werden. Wahrscheinlich werden es Personen sein, die hier einen guten Job gefunden haben. Es wird aber auch diejenigen geben, die sich von der Rückkehr nicht viel versprechen und die sich hier arrangiert haben – nicht unbedingt im Job, sondern mit staatlichen Unterstützungsleistungen.

 

Das Interview führte Tobias Heimbach.

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