28. April 2016, 13:12 h

“Ich gebe jetzt Deutschunterricht!”

Hamza Mahfood wartet schon wieder - auf Geld vom Jobcenter. Nebenher hat er seinen ersten Deutschkurs abgeschlossen und gibt sein neues Wissen direkt weiter.

19. April 2016, 11:21 h

Ein Schritt nach vorn?

Was passiert, wenn das lange Warten für die Flüchtlinge ein Ende hat? Unsere Reporterin Inga Back durfte die junge Mutter zu ihrer ersten Anhörung im Asylverfahren begleiten.

 

Rana steht in der Küche und bereitet das Mittagessen zu: ein klassisches syrisches Gericht. Eintopf aus weißen Bohnen mit Öl und verschiedenen Gewürzen – Zimt, Kardamon, Pfeffer. Dazu gibt es eingelegten Zupf-Käse und gefüllte Auberginen. Ein gelungener Abschluss für einen schwierigen Morgen.

Sieben Stunden früher: Es ist halb sechs am Morgen. Rana fährt los, zur  „Ladung zur Aktenlage und erkennungsdienstlichen Behandlung“. Was das ist, weiß sie nicht. Sie vermutet, dass ihre Fingerabdrücke genommen werden. Vorsichtshalber nimmt sie auch ihren sieben Jahre alten Sohn Mark mit. „Vielleicht müssen auch seine Fingerabdrücke genommen werden.“

Rana hat auch eine zehnjährige Tochter, aber sie lebt noch in Syrien bei ihren Großeltern. Rana hätte die Überfahrt über das Mittelmeer mit beiden Kindern nicht geschafft, auch finanziell nicht. Deshalb kam die 34-Jährige vor einem Jahr alleine mit ihrem siebenjährigen Sohn nach Deutschland. Inzwischen leben sie in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Rheinland-Pfalz. Mark geht zur Schule und Rana steht kurz vor dem Abschluss ihres Sprachkurses. Zu ihrem Neuanfang in Deutschland fehlen nur noch ihr Mann und ihre Tochter. Doch sie dürfen erst nach Deutschland kommen, wenn Rana Salib Asyl gewährt wird – vorher ist eine Familienzusammenführung nicht möglich. Umso wichtiger ist diese Anhörung für Rana. Je schneller ihr Asylantrag bearbeitet wird, desto schneller kann sie ihre Tochter nach Deutschland holen. Sie hat das Mädchen bereits seit neun Monaten nicht mehr gesehen.

Als Rana um acht Uhr bei der Behörde erscheint, steht schon eine lange Schlange vor der Eingangstür. Es ist ein kalter Morgen. Rana geht an der Schlange Flüchtlinge vorbei, lächelt der Security zu. Ein kleiner Mann mit Vokuhila und eisblauen Augen erwidert barsch ihren Blick. Er deutet ihr zum Ende der Schlange zu gehen. Rana lässt sich nicht beirren, freundlich fragt sie, ob sie ins Gebäude dürfe. Ihr Sohn müsse auf die Toilette. Der Türsteher sieht Mark an, widerwillig lässt er sie rein. „Aber du kommst gleich wieder raus!“, ruft er ihr nach, „Ich hab dich im Auge“. Ein anderer Türsteher hält ihr die Tür auf. Rana bedankt sich lächelnd und verschwindet ins Gebäude.

„Sie sind immer erst unfreundlich zu mir. Sie haben mit so vielen Flüchtlingen zu tun“, verteidigt sie den Vokuhila-Mann später. „Wenn sie merken, dass ich nett bin, dann sind sie auch nett zu mir“, erklärt sie und deckt den Tisch zu Mittag. Liebevoll streicht sie über die Tischdecke. Mark sitzt auf dem Sofa und spielt mit seinem Tablet.

Rana strahlt vor Freude: Endlich wieder eine syrische Mahlzeit. Sie stellt den Eintopf auf den Tisch, packt das Fladenbrot aus. Warum sie zur Behörde musste, weiß sie auch nach dem Termin noch nicht genau. Ihre Fingerabdrücke wurden genommen, Fotos wurden gemacht. Eigentlich ganz normal im Asylverfahren. Die Fingerabdrücke aller Asylsuchenden werden genommen und dem Bundeskriminalamt (BKA) übermittelt. Dann schickt das BKA die Daten an die Datenbank der europäischen Kommission in Luxemburg. Dort werden die Fingerabdrücke mit bereits gespeicherten Daten verglichen. So kann geprüft werden, ob schon ein Asylantrag in einem anderen EU-Land vorliegt. Ranas Fingerabdrücke wurden aber inzwischen schon drei Mal genommen: Erst in Ungarn, dann in Augsburg, heute noch einmal in Trier. Warum? Das konnte ihr in der Behörde niemand beantworten.

Der Duft des Bohneneintopfs erfüllt das Wohnzimmer. Die Wände sind noch kahl, aber neben dem Esstisch hängt ein großes dunkles Kreuz. Rana ist Christin. In Syrien werden Christen verfolgt. Der IS rückte immer näher an ihre Heimatstadt. Ein Leben dort war für sie und ihre Familie zu gefährlich. Inzwischen leben auch ihre Eltern und ihre Tochter nicht mehr dort. Sie sind vor den täglich fallenden Bomben in eine andere Stadt geflohen. Ihr früheres Zuhause ist heute eine Ruine. Die Bomben Assads, die Verfolgung durch den IS – in Syrien sieht Rana keine Zukunft für ihre kleine Familie.

In Deutschland zeigt sie ihren Glauben offen, auch heute trägt sie ein goldenes Kreuz um den Hals. „Darauf achtet hier keiner“, sagt sie. Dennoch ist Rana davon überzeugt, dass christliche Flüchtlinge höhere Chancen auf Asyl haben, wenn sie in ihren Herkunftsländern wegen ihrer Religion verfolgt werden. „Fast alle Syrer behaupten inzwischen, sie seien Christen“, erzählt Rana.

Nachdem ihre Fingerabdrücke erfasst wurden, wird Rana zurück in den Wartesaal geschickt. Nur fünf Minuten, versichert der Dolmetscher.

Der Wartesaal ist proppenvoll.  Menschen spazieren ein und aus. Kinder toben. Ein Baby weint. Immer wieder kommen Dolmetscher herein und rufen irgendwelche Namen in die Runde. Manchmal reagiert einer, manchmal mehrere, manchmal ist es so laut, dass man den Dolmetscher nicht hören kann. Nach vierzig Minuten wird Ranas Name gerufen. Sie soll mitkommen, aber ohne Mark. „Ist das ihr Kind? Kann das hier warten?“, fragt der Dolmetscher mit Blick auf den sechsjährigen Jungen. Irgendwer könne doch sicher auf das Kind aufpassen, er blickt in die Runde. Rana verneint – verständnislos. „Das ist mein Sohn, er muss bei mir bleiben.“ Darauf besteht sie, es macht sie nervös, wenn ihr Sohn nicht bei ihr ist. Der Dolmetscher seufzt und führt Rana und Mark zur sogenannten Erstbefragung.

Dabei soll festgestellt werden,  welches EU-Land für ihren Asylantrag zuständig ist. Es ist nicht unbedingt Deutschland, nur weil hier der Antrag gestellt wurde. Wenn man über einen anderen Staat nach Europa eingereist ist, oder nach der Einreise länger als fünf Monate dort gelebt hat, ist dieses andere Land zuständig. So will es das Dublin-Abkommen – ein Verfahren, das versucht, Flüchtlinge in dem Land festzuhalten, das sie zuerst betreten.

Rana kam, wie die meisten Flüchtlinge, durch viele andere EU-Staaten, bevor sie Deutschland erreichte – eine geographische Notwendigkeit. Sie kam über Griechenland, zog weiter über die EU-Anwärterstaaten Mazedonien und Serbien, kam dann in Ungarn an und zog schließlich über Österreich weiter nach Deutschland. Länger als drei Wochen hielt sie sich in keinem der Länder auf. Aber erstmals als Flüchtling erfasst wurde sie in Ungarn. Sie musste dort ihre Fingerabdrücke nehmen lassen.

Bei der Erstbefragung sind ein Dolmetscher und ein weiterer Mitarbeiter des BAMF, der Befrager, mit dabei. Wann haben Sie ihr Herkunftsland verlassen? Durch welche Länder sind Sie gereist? Dauer der Reise? Mit welchem Verkehrsmittel sind Sie gereist? Haben Sie Familienangehörige in Deutschland?

An diesem Mittag erinnert Rana sich an unzählige Fragen, zu jeder hätte sie so viel erzählen können – erwünscht war das nicht. Meistens genügte ein Ja oder Nein. Sie trinkt einen Schluck schwarzen Tees – stark, mit viel Zucker. Sie macht sich Sorgen. Was ist, wenn sie zurück nach Ungarn muss?

Darüber nachdenken will sie lieber nicht. Sie erinnert sich an das dicht aneinander gedrängte Schlafen neben fremden Menschen im überfüllten Lager, den Gestank nach Fäkalien in den Toiletten, viel zu wenige für so viele Menschen. Sie erinnert sich daran, wie sie krank wurde, nicht essen konnte und fast zehn Kilo abnahm. Sie will auf keinen Fall zurück nach Ungarn.

Für den Moment verdrängt sie den Gedanken daran. Vielleicht kommt bald doch die erlösende Nachricht, dass Deutschland ihren Asylantrag bearbeiten wird. Erfahrungsgemäß kann das jedoch wieder mehrere Monate dauern. Monate in Sicherheit, aber auch weitere Monate ohne ihre Tochter. Doch daran will und kann Rana an diesem Mittag noch nicht denken. Sie räumt den Tisch ab.

14. April 2016, 17:02 h

“Ohne Asyl darf ich nicht einmal die Stadt verlassen”

Rana Salib berichtet in ihrer Kolumne von der Qual des Wartens im Asylverfahren.